Liebe auf den zweiten Blick (TEIL 2)

In Teil 2 dieser Geschichte erfahrt Ihr, wie es mit Emily und mir nach der Zusammenführung weiterging und welche Herausforderungen uns im realen Leben bzw. in unserem Alltag erwarteten und wo wir heute fast 8 Jahre nach der Zusammenführung stehen.

„Dran bleiben“, das ist ein sehr wichtiger Leitsatz bei VITA, welcher einem immer wieder in den verschiedensten (Trainings-) Situationen begegnet und letztendlich dabei hilft, niemals aufzugeben und gemeinsam mit seinem vierpfotigen Partner zum Erfolg zu kommen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Satz während meiner Zusammenführung (und auch noch danach) gehört habe. „Nina, Du musst dran bleiben. Du musst Emily zeigen, dass Du es wirklich willst. Du musst an Dich, aber auch an Euch als Team glauben.“ Und eben genau dieses Dranbleiben und Vertrauen, fiel mir damals so unsagbar schwer. Durch meine Unsicherheit und Selbstzweifel stand ich mir selbst im Weg. Doch wie soll man auch in sich selbst und seine Fähigkeiten vertrauen, wenn man nach und nach immer mehr (körperliche) Fähigkeiten verliert? Wie soll man mit Anfang zwanzig seinen eigenen Wert erkennen, wenn man vom Großteil der Gesellschaft suggeriert bekommt, dass man als Rollstuhlfahrer/Behinderter nichts Wert ist? Wie soll man daran glauben, dass ein anderes Lebewesen einen liebt, wenn man sich selbst so wie man ist nicht lieben kann?

Durch die Menschen bei VITA und durch die Erfahrungen mit Emily lernte ich erst, dass es überhaupt keine Rolle spielt, was ich kann oder eben nicht mehr kann oder ob ich zu Fuß oder mit meinem Rollstuhl unterwegs bin. Durch sie alle habe ich gelernt, dass es viel wichtiger ist, die zu sein, die ich bin und den Mut zu haben dies auch zu zeigen. Es dauerte zwar seine Zeit, aber im Laufe der Zusammenführung gelang es mir immer besser meinen Kopf auszuschalten, die Vergangenheit mit all ihren schmerzhaften Erfahrungen auszublenden, mich ganz auf Emily einzulassen und das Vertrauen zwischen uns als Team aufzubauen und zu stärken. Das Resultat war verblüffend: nicht nur ich konnte mich auf einmal spüren und immer besser akzeptieren, auch für Emily wurde ich endlich sichtbar/greifbar. Und was ich ihr entgegenbrachte, schien Ihr zu gefallen, denn auf einmal folgte sie mir – bedingungslos und überall hin. Das war der Grundstein für den Weg in eine gemeinsame Zukunft!

Im Januar 2008 war es dann endlich soweit: das Ende der Zusammenführung war gekommen und Emily und ich wurden nach Hause „entlassen“. Zuvor hatte die Ausbildungsleiterin Tatjana Kreidler einige Tage mit uns in Köln verbracht, um uns auf ein Leben in den eigenen vier Wänden bzw. in unserer Heimat Köln vorzubereiten. Als für Tatjana der Zeitpunkt gekommen war zu gehen, blieb Emily wie selbstverständlich in ihrem Körbchen in meiner Wohnung liegen, als ob sie nie woanders hingehört hätte. Sie selbst entschied an diesem besagten Tag zu bleiben! Und auch wenn Tatjana der Abschied von Emily sichtlich schwerfiel, wusste sie, Emily hat ihren Platz im Leben endgültig gefunden!
Doch der Kontakt zu VITA ging auch nach der Zusammenführung nicht verloren, im Gegenteil. Besonders im ersten gemeinsamen Jahr stand VITA immer mit Rat und Tat helfend zur Seite, wenn ich mal wieder ratlos war.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie unwohl mir in der ersten gemeinsamen Nacht zu Mute war. Tausend Fragen schossen mit durch den Kopf: Geht es Emily auch wirklich gut? Hat Sie Heimweh? Fühlt sie sich hier wohl? Bin ich der Verantwortung gewachsen? Doch in den darauffolgenden Tagen und Wochen wurde ich wieder einmal eines Besseren belehrt: Emily lebte sich in ihrer neuen Heimat schnell ein und stand mir schon nach kurzer Eingewöhnungszeit in fast allen Lebenslagen helfend zur Seite. Leidenschaftlich apportierte sie mir alles was zu Boden fiel, mit vollem Körpereinsatz machte sie Schränke und Türen auf, mit viel Sensibilität und Vorsicht half sie mir dabei, Kleidungsstücke wie Hosen, Socken und Jacken auszuziehen oder sie trug stolz den Einkaufskorb. Durch regelmäßiges Training konnten wir uns schnell auch spezifischeren Aufgaben widmen. So gelang es uns mit Unterstützung von Tatjana, das Emily lernte mir die Beine ins Bett oder auf die Coach zu heben. Unglaublich mit wieviel „Will top lease“ sie für mich arbeitete!

Doch Emily unterstützte mich nicht nur in praktischer Hinsicht. Mit ihr an meiner Seite begann ich wieder vor die Tür zu gehen. Mehrmals täglich, bei Wind und Wetter, zu jeder Jahreszeit war ich fortan mit Ihr auf Tour. Sie hat meine Liebe zur Natur entfacht – gemeinsam haben wir die Welt um uns herum entdeckt, dabei jedem Wetter getrotzt und die Schönheit des Moments genießen gelernt. Es verging kein Spaziergang mehr, an dem ich nicht mit anderen Hundebesitzern ins Gespräch kam. Plötzlich war der Rollstuhl keine Barriere mehr im Kontakt zu Fußgängern. Die Hemmungen und Vorurteile auf beiden Seiten wurden einfach sekundär, durch diese schwarze Schönheit an der Seite meines Rollstuhls. Im Kontakt mit anderen gab sie mir die nötige Sicherheit und ich traute mir über die Zeit immer mehr zu. Emily öffnete für mich Türen in vielerlei Hinsicht!

Obwohl ich in den letzten Jahren fast alle körperlichen Fähigkeiten verloren habe und rein praktisch nur noch so wenig selbstständig tun kann, ist Emily an meiner Seite und öffnet mir täglich die Augen für die schönen Momente des Lebens. Sie schafft es immer wieder aufs Neue, Trauer und Tränen in Freude und Lachen zu verwandeln. Es gab und gibt bis heute kaum eine Situation, die wir nicht gemeinsam gemeistert haben. Egal ob im beruflichen Alltag beim Gang ins Büro, in der Freizeit bei Café Besuchen oder beim Treffen mit Freunden sowie im Urlaub am Meer oder in den Bergen – Emily begleitet mich zuverlässig überall hin. Auch im stolzen Alter von 11 Jahren meistert sie ihre „Assistenzhundeaufgaben“ vorbildlich.
Als Ausgleich zum stressigen Alltag fröhnen wir, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, unserem gemeinsamen Hobby, der Dummyarbeit! Dabei wird für den Hund eine Jagdsituation simuliert. Die Dummys (kleine und bis zu 500g schwere, mit Sand gefüllte Segeltuchsäckchen) ersetzen das erlegte Wild und werden von Retrievern mit der gleichen Begeisterung apportiert. Für mich ist es eine kostbare Gelegenheit, Emily nahe zu sein, sie gleichzeitig körperlich und kopfmäßig auszulasten und ihre Freude und ihr Glück am apportieren zu teilen.
Wann immer die Zeit es zulässt, kehren wir zurück ins Ausbildungszentrum zu VITA und genießen die Zeit mit all den besonderen Menschen, die ebenfalls schwer an ihrem Schicksal tragen, jedoch gemeinsam mit ihren Hunden das Beste aus ihrer individuellen Situation machen. Früher wollte ich nie etwas mit anderen Behinderten zu tun haben, weil ich mir nicht eingestehen wollte, selbst behindert zu sein. Heute bin ich unglaublich stolz, Teil dieser familiären Gemeinschaft zu sein, bei der man sich auf Augenhöhe begegnet und jeder willkommen ist!

Gefühlt sind die gemeinsamen Jahre nur so dahingeflogen und doch steht die Zeit so oft still für uns, in den vielen kleinen wunderbaren Momenten des Alltags, in denen sich unsere Blicke treffen. Wo die eine die andere ansieht und versteht – ohne Worte. Wo nur der gemeinsame Augenblick zählt und wir alles andere um uns herum vergessen und ausblenden. Wo es nur uns beide gibt! Egal wohin ich gehe, sie folgt mir – bedingungslos. Sie ist meine treue Gefährtin, meine WegBEGLEITERIN und –BEREITERIN!
Was für ein toller Hund?! Was für eine intensive Bindung?! Was für eine ganz besondere Beziehung?! Was für ein Geschenk, das erleben zu dürfen!!!