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Neuanfang

von Nina 12. Februar 2017
Neuanfang

Jeder von uns stand in seinem Leben schon einmal vor der persönlichen Herausforderung, dass sich der eigene Lebensweg plötzlich in zwei Richtungen gabelte und uns eine Entscheidung abverlangt wurde: gehe ich meinen bisherigen Lebensweg weiter oder biege ich ab und wage einen Neuanfang?

Solche Entscheidungen, die uns das Leben von Zeit zu Zeit immer wieder abverlangt, fallen nicht nur unglaublich schwer, sondern sind in der Regel auch folgenreich für uns und die Menschen, die uns umgeben. Wen wundert es da, dass wir häufig aus Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, auf dem vertrauten Weg verbleiben. Doch genau auf diesem vermeintlich sichereren Weg bleibt eben auch so manches von unseren Potentialen und Möglichkeiten auf der Strecke.

So erging es auch mir: ich stand schon seit längerer Zeit an einem Scheideweg, nicht wissend, für welche Richtung ich mich entscheiden soll. Es ging dabei für mich um die Klärung der Frage, wie es zukünftig beruflich für mich weitergehen soll. Diese Frage stellte sich für mich nicht etwa, weil ich meinen Job als Sozialpädagogin/-arbeiterin nicht liebe, sondern weil mich dieser Job sehr viel Kraft kostet. Um genau zu sein, er kostet mich so viel Kraft, dass am Ende eines Tages nicht genug Energie für das eigentliche Leben übrig bleibt. Um den Anforderungen meines Alltags oder anders gesagt meinem Tagespensum gerecht zu werden, muss ich mich ständig disziplinieren, permanent alles von mir geben und an vielen Baustellen gleichzeitig kämpfen. Da bleibt so wenig Platz für das eigentliche Leben, für das Sein, für mich und meine Bedürfnisse.

Über Monate hinweg habe ich mir immer wieder aufs Neue diese Fragen gestellt: Kann ich mir die Arbeit gesundheitlich noch länger leisten? Ist sie mir das Wert? Wie schlecht muss es mir gesundheitlich noch gehen, damit ich aufhöre, permanent meine Grenzen zu überschreiten? Das, was Raubbau an meinen körperlichen und mentalen Kräften betreibt, ist nicht etwa nur die reine Arbeitszeit, es ist auch das was alles nötig dafür ist – das davor und danach, was für einen gesunden Menschen kaum der Rede wert ist.

Obwohl ich tief in meinem Inneren die Antworten auf diese Fragen schon kannte, habe ich sie lange Zeit ignoriert und mir eingeredet: Ich brauche eine klare Aufgabe. Ich brauche eine feste Arbeit. Ohne Arbeit kein Geld und ohne beides kein sozialer Stellenwert. Immer wieder habe ich mich verglichen und mir gesagt, alle anderen (ob behindert oder nicht behindert) kriegen das doch auch hin, warum also ich nicht?! Die Angst, keine Aufgabe, keinen Status, keinen Mehrwert mehr (für die Gesellschaft) zu haben, hielt mich lange davon ab eine Entscheidung zu treffen. Wer bin ich denn noch, wenn ich keinen festen Job mehr habe? Was bin ich ohne Job noch wert? Wofür habe ich studiert und all die Jahre gekämpft? Dafür, dass ich mit Anfang 30 in Rente gehe? Wenn schon behindert, dann doch bitte mit einem guten Job und möglichst unabhängig, so war lange Zeit mein Denken geprägt.

Viel zu lang habe ich im Außen nach Antworten auf meine Fragen und Bestätigung für meine Gedanken gesucht. Vielleicht sogar auch nach einer Absolution. Doch ich fand nichts von alledem. Meine Angst und meine Unsicherheit vor dem Neuen und Ungewissen haben meinen Mut und meine Sehnsucht nach Veränderung immer wieder im Keim erstickt. Erst nach und nach habe ich begriffen, dass nur ich selbst mir die Antworten auf meine Fragen geben kann. Dass ich den Mut und das Vertrauen haben muss, meinem inneren Kompass zu folgen. Dass das Leben mich tragen wird, so wie es mich bisher immer getragen hat. Und das auch in dieser Hinsicht auf einen Abschied wieder ein Neuanfang folgen wird.

Vielleicht wusste es das Schicksal besser als ich und hat mich deshalb vor knapp einem Jahr dazu geführt, diesen Blog hier ins Leben zu rufen. Erst durch das öffentliche Schreiben und die zahlreichen Rückmeldungen, die ich auf meine Texte hin bekommen habe, habe ich erkannt, dass ich auch neben meinem beruflichen Dasein sehr wohl eine wichtige Aufgabe und einen Mehrwert für die Gesellschaft habe. Mir ist klar geworden, wieviel allein ich mit meinen Texten bewegen kann – ich kann andere Menschen damit berühren, kann Mut und Hoffnung geben, kann in mancher Hinsicht als gutes Beispiel voran gehen, kann Denken verändern und eine neue Sicht auf die Dinge vermitteln, kann Barrieren beseitigen und Brücken bauen.

Mit dem Schreiben habe ich einen Weg gefunden, dem was durch mich in die Welt will, Ausdruck zu verleihen. Das gibt mir Kraft und macht mich frei. Es hat in mir den Mut entfacht Altes loszulassen und mich für Neues zu öffnen. Auch wenn ich momentan noch ganz am Anfang meines neuen Weges stehe und nicht weiß, was dieser alles für mich bereit halten wird, so spüre ich doch, dass es richtig ist ihm und meiner inneren Sehnsucht zu folgen.

Eins habe ich verstanden, während ich an dieser Weggabelung stand und verzweifelt nach Antworten gesucht habe: es gibt kein richtig oder falsch. Richtig ist, was sich gut anfühlt, was mich glücklich macht und mir Kraft zum Leben gibt. Und das ich in erster Linie mir und meinen Erwartungen an mein Leben gerecht werden muss und niemand anderem. Ich selbst trage die Verantwortung für mein persönliches Glück und habe jeden Tag aufs Neue die Chance es zu gestalten.

„In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks!“

(Heinrich Heine)

 

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6 Kommentare

Sabine Wagner 21. August 2017 - 13:36

Liebe Nina, durch meinen lieben Kollegen bin ich auf deinen Block aufmerksam geworden. Schade das es nicht schon eher war. Viel zu lange habe gewartet meine Entscheidung zu treffen. Viel zu viele Gedanken wie es weitergehen wird. Der Körper sendet viele Signale aber immer wieder habe ich sie ignoriert. Zu viele Gedanken gehen einem dabei durch den Kopf. Mittlerweile habe ich eine Entscheidung getroffen. Und es geht mir gut dabei, woran du nicht ganz unschuldig bist. Auf diesem Wege vielen Dank für deine Texte. Liebe Grüße
Sabine

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Nina 26. August 2017 - 21:08

Liebe Sabine,
vielen Dank für deinen Kommentar.
Ich freue mich sehr, dass dich meine Texte dabei unterstützen konnten eine Entscheidung zu treffen und etwas in deinem Leben zu verändern, was sich nicht mehr gut angefühlt hat.
Es erfordert eine Menge Mut für sich selbst zu sorgen und Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu übernehmen! Wir lernen schon früh, die Prioritäten bei Anderen anstatt bei uns selbst zu setzen. Dabei können wir nur anderen Menschen Gutes tun und für sie sorgen, wenn wir auch für uns selbst sorgen und unsere Wünsche und Bedürfnisse Ernst nehmen und sie nicht ignorieren.
Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Gute und die Kraft dir selbst treu zu bleiben!

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SommerKunst 13. Februar 2017 - 12:42

Liebe Nina, ein mutiger und offener Bericht über das Leben mit Träumen & Hindernissen, der auch mir aus der Seele spricht. Natürlich ist es auch immer eine Frage des Geldes, aber wenn diese Frage irgendwie beantwortet werden kann, dann kann ich nur dazu ermutigen, sich für sich selbst und die seelische Gesundheit zu entscheiden. Ich habe selbst diese Entscheidung treffen müssen und kann die Zweifel sehr gut nachvollziehen. Aber ich habe auch erfahren, dass es nicht das Ende ist, sondern immer WEITERGEHT. Vor allem wenn man zu den Menschen gehört, die sich künstlerisch oder in deinem Fall schriftstellerisch ausdrücken können, hat man einen Riesenvorteil. Denn man hat etwas zu GEBEN. Und man bekommt die Chance, sich immer weiter zu entwickeln. Genieße dieses Privileg 🙂

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Ilona 13. Februar 2017 - 10:59

Liebe Nina, ich habe mich so gefreut auf Deinen neuen Text… ich bin so froh, dass Du arbeitest, auch wenn Du nicht mehr arbeitest…. 🙂
Weißt Du, mich haben so viele Worte in Deinem Text angesprochen, zuerst hört man natürlich immer wieder Deine Angst vor dem Umbruch und dem Neuen heraus – die Angst, es Dir selbst…, die Angst, es der Gesellschaft… , also die Angst den anderen, der Außenwelt – … recht zu machen, oder bestehen zu können. „Absolution“ hast Du es genannt. Freisprechung durch die anderen: Ja, Du darfst !
Am Ende aber kann man wieder nur sagen:
Nina, Du bist einfach die Größte, Du hast so einen Mut, Du hast eine klare Linie, Du betrügst Dich nicht ewig selbst… Du gibst dem Tag und dem Leben die Chance, anders sein zu dürfen, als es die Gewohnheit oder auch die Umgebung gerne sehen würde.
Sicherlich – Dein Handicap oder Deine Krankheit, wie nennst Du es lieber?- sie liefert Dir eine Entschuldigung! Nicht nur das, sie zwingt Dich auch… aber es ist ja nicht so, dass Du nach der Kündigung deines Jobs vor hast, arbeitslos zu sein. Du willst ja nicht „nichts tun“. Du willst nur aus den Zwängen hinaus und aufblühen und mehr Kraft haben. Es ist schön, wie Du es ausdrückst…
Ein wenig könnte man es so verstehen, wenn man es ziemlich kürzt: Man arbeitet, weil es einem einen Status bietet, einen Platz in der Runde, auch weil man nicht „umsonst studiert haben will“, alles hat seinen Preis,… also muss man ja…
Der Preis, das ist die Energie, die der Beruf kostet…. er wird uns entlohnt durch unser Gehalt. Der Preis für die Energie ist also unser Gehalt – und davon leben wir wieder nach der Arbeit. Du schreibst, „zum Feierabend“ hattest Du keine Energie mehr zum Leben… und dennoch mochtest Du die Vorstellung nicht, mit 30 eine alte Rentnerin zu sein. Du hast ja noch den Kopf und die Ideen und die Liebe für Deinen Beruf gehabt…. aber am Ende blieb außer dem Beruf nicht viel Nina übrig.

Manchmal meint man in Deinem Text, Du willst mit Deinem Beruf einfach allen beweisen, dass Du doch so bist wie ein „Ottonormalverbraucher“, der sein Leben lebt, wie es von einem Ottonormalverbraucher ind er Gesellschaft erwartet wird.

Vielleicht solltest Du Dich einfach nicht >arbeitsunfähig< nennen…. das ist ein sehr unschönes Wort. Du mußt Deine geistige Arbeit und das, wo Du anderen noch nützen kannst, als Sozialarbeit sehen. Auch wenn Du Dein eigener Arbeitgeber bist….

"In jedem Anfang wohnt ein Zauber innen, der uns beschützt, und der uns hilft zu leben…"

Vielleicht ist dieses "Gefallen-wollen" das einzige Problem, was der Mensch hat. Man möchte sich selbst gefallen und lieben, man möchte aber auch von dem anderen Wertschätzung und Verständnis, Anerkennung, Achtung, … man möchte Beachtung, keine Verachtung, man möchte ankommen und man möchte "zuhause" sein – mental – unter seinen Freunden oder in der Gesellschaft. Der Mensch braucht ja Geborgenheit und Frieden um sich herum, das zeigt uns, dass wir so sein dürfen, wie wir sind…
Meistens halten wir am liebsten an dem Alten fest, an dem, was wir kennen. Es gibt uns Sicherheit, weil es uns bekannt ist und bei allem Mist, wissen wir, was wir haben….
Das Neue macht so vielen Leuten angst. Aber es gibt eben diese Zeiten im Leben, da merkt man: "Ich halte nur an etwas fest, damit nicht über mich geredet wird oder damit ich nicht aus dem Rahmen falle" und plötzlich nimmt es im Zweifelsfall andere ausmaße an: "Das alte kann auch krank machen und belasten" …
Es ist schön, wenn alles so bleiben darf, wie es ist. Aber manchmal – dann muss das Neue gewagt werden und da sein dürfen. Ohne Bewertung – ohne das Alte zu verhöhnen… nur einfach, weil es ohne den neuen Zauber nicht gehen würde. Es darf nie so weit kommen, dass das Alte uns behindert, das Leben zu lieben… dass das Alte uns nur noch Übermengen Energie kostet, so war das Leben nicht gemeint … und so wichtig darf auch ein Beruf unter einem Arbeitgeber nicht sein. – Ich freue mich auf alles Neue, was Du uns bald vormachst… Es ist spannend mit Dir!

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Corinna Krause 12. Februar 2017 - 19:27

Du schreibst mir aus der Seele. Ich habe mich auch gerade für „Loslassen“ von der Arbeit entschieden, und das fühlt sich gut an. Endlich bleibt am Ende des Nachmittags noch Kraft für die schönen Dinge des Lebens.

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Nina 12. Februar 2017 - 19:32

Liebe Corinna,
danke für Deinen Kommentar. Wenn man einmal die Entscheidung getroffen hat, fühlt sie sich gut an. Doch der Weg dahin ist meist lang – so war es auf jeden Fall bei mir! Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für all die schönen Dinge des Lebens und das Du die neugewonnene Freiheit genießen kannst!

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