Lesung bei den 4. Brücker Kunsttagen

Nach monatelangem Warten und wochenlangen Vorbereitungen war es am vergangenen Freitag, den 17.11.17 endlich soweit: im Rahmen der 4. Brücker Kunsttage fand meine Lesung „die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ in der Evangelischen Johanneskirche in Köln Brück statt.

Wie es eigentlich zu der Lesung kam und ob die Veranstaltung ein Erfolg war, möchte ich im nachfolgenden Beitrag erzählen:

 

Foto von Torsten Pelka

Im Jahr 2014 wurden die Brücker Kunsttage von den Künstlern Seona Sommer und Udo Funk ins Leben gerufen. Seitdem hat sich in dem beschaulichen Kölner Vorort Brück eine neue Kunstszene und ein neues Künstlernetzwerk entwickelt – denn jedes Jahr im Herbst können bis zu 50 bildende Künstler und Künstlerinnen, über einen Zeitraum von 3 Wochen ihre Werke in lokalen Ausstellungsflächen wie z.B. Geschäfte, Banken, Arztpraxen präsentieren. Doch nicht nur bildende Kunst, sondern auch andere künstlerische Genres, wie z.B. Lesungen, Musikveranstaltungen und Filmvorführungen werden im Rahmen der Brücker Kunsttage gefördert. Durch diese besondere Veranstaltung ist es über die Jahre mehr und mehr gelungen, die Kunst in die Lebenswelt der Menschen oder wie der Kölsche sagt ins Veedel zu holen. Dadurch belebt sie nicht nur die Geschäftswelt, sondern wird auch zum Zeichen des Zusammenhalts und der regionalen Zugehörigkeit.

 

 

Bis Ende 2016 war mir als zugezogene Wahlbrückerin, die zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 7 Jahre in Köln Brück lebte, diese Veranstaltung verborgen geblieben. Vielleicht, weil bis dahin bildende Kunst noch nie so eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat. Vielleicht aber auch weil ich noch nicht so gut mit den Brückern vernetzt war. Dies sollte sich zum Jahreswechsel hin ändern.

Den Anstoß dazu gab ein Telefonat mit der Künstlerin und (Mit-)Initiatorin der Brücker Kunsttage Seona Sommer. Diese war durch meinen Gewinn des ERGO Award #DeinWeg2016 auf meinen Blog aufmerksam geworden und hatte Gefallen an meinen Texten gefunden. Kurzentschlossen rief sie mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte eine Lesung mit eigenen Texten im Rahmen der 4. Brücker Kunsttage zu veranstalten. Ich freute mich riesig über die Wertschätzung meiner Arbeit und das entgegen gebrachte Vertrauen und willigte ohne zu Zögern ein.

 

Foto von Torsten Pelka

Etwa zur Jahreshälfte begann ich mich intensiver mit dem Hintergrund und der Tragweite der Brücker Kunsttage auseinanderzusetzen. Im Rahmen der vorbereitenden Künstlertreffen lernte ich andere der teilnehmenden Künstler kennen und knüpfte neue Kontakte. Obwohl die meisten von ihnen bildende Künstler waren und ich zu den wenigen literarischen Künstlern gehörte, fühlte ich mich direkt wohl in der Gemeinschaft.

Je näher die Lesung rückte, umso mehr drängte sich mir die Frage auf, welche Texte ich an dem Abend der Lesung vortragen und welche Message ich damit eigentlich transportieren wollen würde. Ich entschied mich schließlich für den Text, mit dem ich auch den ERGO Award #DeinWeg2016 gewonnen hatte. Es ist ein sehr berührender und kraftvoller Text, der anschaulich meinen doch recht ungewöhnlichen Lebensweg mit der Diagnose progressive Muskeldystrophie beschreibt. Unmissverständlich macht er deutlich, dass Glück keine Behinderung kennt und wahre Stärke keine Muskeln braucht.

 

Und welcher Titel für die Lesung könnte diese Message besser unterstreichen als „Die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“?! Dieser Titel stammt ehrlicherweise nicht aus meiner eigenen Feder. Ilona Weber, eine gute Freundin und eine sehr talentierte Malerin hat, inspiriert von genau diesem Text, vor einiger Zeit zu Pinsel und Farbe gegriffen. Dabei ist ein unglaublich aussagekräftiges und berührendes Bild entstanden, welches den Titel „die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ trägt. Das Bild erzählt die Geschichte von einer Rollstuhlfahrerin, die scheinbar unmögliche Dinge tut – z.B. Ballon fahren, Segelfliegen, paragliden, tauchen, uvm. Es zeigt dabei auf humorvolle und spielerische Art und Weise, dass unmögliches möglich ist – denn eigentlich, weiß ja jedes Kind, dass Rollstuhlfahrer nicht fliegen können. Es verkörpert für mich eine innere Einstellung zum Leben. Eine Einstellung die innere, aber vor allem äußere Grenzen und Barrieren überwindet und das mit Freude und Leichtigkeit. Und genau diese Einstellung wollte ich bei der Lesung meinen Zuhörern vermitteln und damit etwas „ins rollen bringen“.

Ich steckte viel Zeit und Liebe zum Detail in die Vorbereitung der Lesung. Von Anfang an stand für mich fest, dass ich diese gerne durch Musik begleiten lassen würde. Ich fragte den befreundeten Musiker Fabian Haupt, dessen Songs ich sehr mag, weil seine Texte unter die Haut gehen und im Kopf bleiben. Zu meiner großen Freude willigte Fabian direkt ein und versprach, mich am Abend der Lesung musikalisch zu begleiten.

Mit ausgesuchten Weinen vom lokalen Weinanbieter „Lieblingswein“ und anti-alkoholischen Getränken sowie ein paar Knabbereien sorgte ich mich auch um das leibliche Wohl meiner Gäste.

Ja und dann war endlich der große Tag gekommen…

Ich traute meinen Augen kaum, als sich am vergangenen Freitagabend gut 100 Menschen in der Johanneskirche einfanden, um meine Geschichte zu hören. Viele Freunde und Bekannte waren meiner Einladung gefolgt, doch es waren auch viele unbekannte Gesichter unter den Gästen.

 

 

Die Kirche war von Kerzenschein und weichem Licht erfüllt, welches eine angenehme Atmosphäre schaffte. Für alle Gäste gut sichtbar, stand auf einer Staffelei hinter mir das Bild „die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“. Im Gemeinschaftsraum nebenan, von dem man einen direkten Blick in die Kirche hatte, versammelten sich ebenfalls einige Gäste und genossen von dort aus die Lesung bei einem Glas Rot- oder Weißwein.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch eine kurze Ansprache von Jane Dunker, Kulturreferentin der Johanneskirche. Danach begrüßte ich, mit vor Aufregung zitternder Stimme, die Anwesenden und bedankte mich bei den Helfern und Organisatoren der Brücker Kunsttage.

Mit einem instrumentalischen Intro holte Fabian die Gäste ab und sorgte für die richtige Einstimmung auf die Lesung. Pünktlich um 19:30 Uhr begann ich zu lesen und mehr als einmal hätte man in der Kirche eine Stecknadel fallen hören können, so ruhig war es, weil jeder ergriffen meinen Worten lauschte. Ich glaube auch das ein oder andere Taschentuch blieb nicht trocken 😉 Dank Fabians musikalischer Begleitung gab es für mich ein paar Sprechpausen. Er spielte gleich mehrere seiner aktuellen Songs, wie „Blick neben die Uhr“, „Weltarchitekt“ und „Achterbahn“. Seine wunderbare Stimme wurde begleitet durch das Keyboard und durch eine mit dem Fuß getretene Stompbox, die den Takt angab. Nicht nur der Rhythmus und die Melodie seiner Songs, sondern auch der Inhalt seiner Texte ergänzte auf wunderbare Weise die Message meiner Lesung und begeisterte alle Anwesenden. Nach gut 60 Minuten endete die Lesung mit einer Diashow und dem Song „Don’t worry Blues“. Diese zeigte Fotos „der Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ beim Paragliden, Segelfliegen, tauchen und anderen Abenteuern.

 

Für unsere Leistung belohnt wurden Fabian und ich mit einem ausgiebigen Applaus und Standing Ovation. Als Zugabe spielte Fabian noch einen bis dato unveröffentlichten Song mit dem Titel „Was bleibt“ und schaffte damit erneut Gänsehautatmosphäre. Dieser Song war der perfekte Abschluss für diese besondere Veranstaltung! Erfreulicherweise folgten viele Gäste unserem Aufruf und blieben auch nach der Lesung noch zum gemeinsamen Austausch und auf das ein oder andere Getränk.

 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal die Gegebenheit nutzen und mich ganz herzlich bedanken:

  • bei Fabian für die wunderbare Musik
  • bei Raphael für seine Ideen und seine Unterstützung bei der Planung und Umsetzung der Veranstaltung
  • bei Hans, Will und Raphael für die schönen Fotos
  • bei Anica für den wunderschönen Kurzfilm, der die Stimmung des Abends wunderbar eingefangen hat
  • bei Kerstin, Joachim und Karin für die tatkräftige Unterstützung während der gesamten Veranstaltung
  • bei Mechthild und Mo für die engagierte Hilfe beim Auf- und Abbau
  • bei Herrn Falk van Rees für die technische Unterstützung
  • bei Frau Dunker für ihren Rat und ihre Unterstützung rund um die Vorbereitung der Veranstaltung
  • bei der Evangelischen Johanneskirche für die Nutzung der Räumlichkeiten
  • bei Lieblingswein für die erlesenen Weine
  • bei Seona Sommer und Udo Funk für die Gelegenheit, diese Lesung abhalten und nach meinen Vorstellungen umsetzen zu dürfen
  • und bei allen Anderen, die ich jetzt vielleicht vergessen habe und die mich unterstützt haben
  • und natürlich bei den Gästen für das entgegengebrachte Vertrauen und all das positive Feedback

In diesem Sinne,

Keep on rollin‘

Lesung im frei:Raum

Am vergangen Sonntag hatte ich die Ehre beim gemeinnützigen Verein frei:Raum in Siegen zu Gast zu sein. In dieser gemütlichen und familiären Location durfte ich eigene Texte aus dem Leben „der Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ vortragen. Dabei ging es nicht nur um mein Leben mit der Diagnose progressive Muskeldystrophie, sondern auch um das Zusammenleben mit meiner Assistenzhündin Emily, die mir seit 10 Jahren treu zur Seite steht.

Die Lesung wurde atmosphärisch abgerundet durch die musikalische Begleitung des Musiker Trios bestehend aus Mechthild Hendricks (Fiddle), Roland Jung (Gitarre) und Jürgen Clemens (Bass).

Zahlreiche Gäste besuchten die Lesung und ließen es sich bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen gut gehen. Es wurden Spenden in Höhe von 250,00 € gesammelt, die dem Verein VITA Assistenzhunde e.V. zu Gute kommen werden.

 

Lesung auf der 7. Heider Kunsttour

Zum 7. Mal fand am vergangenen Sonntag im „malerischen“ Fach­w­erk­dorf Heid in der Gemeinde Wen­den die „Heider Kunsttour“ statt. Alle zwei Jahre wird das Dörfchen inzwischen zur Kulisse für Künstler und Hobbymaler. Bei traumhaftem Wetter genossen die Besucher eine ganz besondere Atmosphäre mit tollen Künstlern, schöner Musik und leckeren kulinarischen Spezialitäten.

Auch Emily und ich durften Teil dieses besonderen Events sein. Im gemütlich hergerichteten „Speakers Corner“ trug ich zum ersten Mal verschiedene Texte aus meinem Blog in zwei Lesungen vor. Mir klopfte das Herz bis zum Hals, als ich begann aus „Abschieden und Neuanfängen mit Muskeldystrophie“ zu lesen, aber einmal angefangen, war es ein wunderbares Gefühl den Zuhörern meine Geschichte näher zu bringen. Emily wich mir die ganze Zeit nicht von der Seite und ihre Anwesenheit gab mir Sicherheit. Während meiner Lesungen begleitete mich die Band “Molly Ban“, die mit ihrer Musik für die nötige Portion Gänsehaut sorgten.

Ich werde noch lange von diesem besonderen Tag zehren und bedanke mich für die Einladung und das wunderbare Publikum.

 

 

 

Sehnsucht

Mein Herz ist schwer und sorgenvoll.

Mein Atem geht flach und mühselig. Es ist als würden alle Sorgen und all der Schmerz mir die Luft nehmen. Mich lähmen und erstarren lassen.

Das einzige Zeichen von Lebendigkeit, sind die Tränen, die über mein Gesicht laufen. Meine Hände können sie nicht auffangen – sie liegen regungslos, fast wie unbeteiligt in meinem Schoß.

Meine Muskeln sind müde, wie versteinert. Das letzte bisschen Kraft scheint entwichen zu sein und es fühlt sich an, als wäre kein Leben mehr in Ihnen. Mein Körper nur noch eine Hülle. Kein Werkzeug mehr, das mich befähigt – nur noch Substanz, die den inneren Kern zusammenhält.

 

Mein Geist ist voll und wird überschwämmt von Fragen, die wie ein Quälwerk alles zermalmen, was jemals Bedeutung gehabt hat. Der Vergleich macht alles zu Nichte, tötet jedes Quentchen Glück und lässt mich fast verzweifeln. Immer wieder ist da die Frage nach dem Sinn? Die Frage, wozu das alles gut ist und was mir das Leben sagen will? Die Antworten bleiben stumm.

In all dem Nebel suche ich nach Halt und nach Antworten. Meine Orientierungslosigkeit zwingt mich dazu inne zu halten, hinzuspüren. In mich zu gehen und zu forschen – weg vom Außen, hin zum Inneren. Ich finde den Punkt, wo es am meisten weh tut. Er ist da, wo die Sehnsucht und die Angst dicht gepaart nebeneinander sitzen.

 

Die Sehnsucht nach körperlicher Unversehrtheit.
Die Angst vor dem Fortschritt und dem Verlust.

Die Sehnsucht nach Lebendigkeit und Unbeschwertheit.
Die Angst vor Erschöpfung und Verzweiflung.

Die Sehnsucht danach dazu zu gehören und gleichwertig zu sein.
Die Angst davor isoliert und allein zu sein.

Die Sehnsucht danach meine Worte zu verschwenden, anstatt sie sorgfältig auszuwählen.
Die Angst davor meine (innere und äußere) Stimme zu verlieren.

Die Sehnsucht danach meine Hand auszustrecken und dich zu berühren, frei und hemmungslos.
Die Angst davor, irgendwann ins Leere zu greifen und daran zu zerbrechen.

Die Sehnsucht danach mich frei zu bewegen, zu tanzen und das Glück zu spüren, welches das Blut ungefiltert durch meine Adern pumpt.
Die Angst davor gefangen zu sein in mir selbst und den Zugang zum Glück zu verlieren.

Die Sehnsucht nach Stille in meinem Kopf, nach Annahme und Akzeptanz.
Die Angst vor Widerstand und Kampf.

Die Sehnsucht nach dem Leben.
Die Angst vor dem Tod.

 

„Vielleicht“ flüstert eine leise Stimme in meinem Kopf, „muss man alles verlieren, um alles zu besitzen. Vielleicht müssen die leidvollen Momente, genauso ihren Platz im Leben haben, wie die glücklichen Momente, damit man eben diese in Dankbarkeit annehmen kann. Vielleicht geht es nicht darum, was war oder was einmal sein wird, sondern darum was jetzt grade ist und genau das vertrauensvoll anzunehmen. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir uns selbst erkennen. An dem wir verstehen, wie das Leben wirklich gemeint ist.“

Ich denke darüber nach und langsam aber sicher überkommt mich ein Gefühl von Trost und Geborgenheit und ich fühle mich den Antworten viel näher als den Fragen.

 

Anderssein

Passend zum Wochenende möchte ich heute einen Text veröffentlichen, den ich vor einigen Jahren noch in meiner Zeit als Fußgängerin geschrieben habe. Ich erinnere mich noch sehr gut an diese besagte Nacht und an die Gefühle, die mich damals so bewegten. Auch wenn der Text eher schwermütig ist, schildert er doch sehr schön, meinen Schmerz und die tiefe Sehnsucht danach Eins zu sein mit mir selbst und mit anderen.

 

Im gedämmten und schummerigen Licht des Nachtclubs beobachte ich die tanzenden Gestalten. Die meisten von Ihnen haben durchtrainierte, wohlgeformte und scheinbar makellose Körper. Sie bewegen sich rhythmisch und mit verschwenderischer Leichtigkeit zum Klang der Musik. Mit ihren fließenden und kraftvollen Bewegungen verleihen sie ihren Gefühlen auf spielerische Weise Ausdruck. Die Frauen machen dabei selbst auf hochhackigen Schuhen eine gute Figur und ziehen die Blicke mit eleganten und aufreizenden Bewegungen auf sich. Selbstbewusst spielen sie mit Ihrer Außenwirkung, um Sinne zu verzaubern, Sehnsüchte zu wecken und Neider erblassen zu lassen.

Die Musik ist so laut, dass der Bass meinen Herzschlag kontrolliert. Ich lehne betont lässig gegen das Geländer der Treppe, welches mir einen gesicherten Blick auf die Tanzfläche verschafft. Immer wieder schaue ich unsicher umher, jederzeit gefasst auf eine Gefahr, die mich von den Füßen holen oder aus dem Gleichgewicht bringen könnte.

Verstohlen ziehe ich an meiner Zigarette. Umgeben von all diesen feiernden Menschen fühle ich mich allein und so gänzlich anders. Meine Lebendigkeit, meine Leichtigkeit, meine Liebe zum Leben sind gefangen in diesem morbiden Körper und finden keinen Weg nach draußen.

Wie paralysiert beobachte ich dieses Schauspiel mit seinen bizarren Akteuren – wie sich ihre Körper annähern, aufreizen, fast miteinander verschmelzen, um sich dann doch wieder zu trennen, damit der Kreislauf von neuem beginnen kann. Die Tanzenden bewegen sich wie im Rausch, verfallen in Ekstase und werden Eins miteinander.

Als der Rhythmus der Musik endlich seinen Höhepunkt erreicht, kippe ich meinen Jägermeister herunter – das Gefühl von Andersartigkeit und Getrenntsein schwindet im dumpfen Nebel des Rausches, bis ich meinen eigenen Körper nicht mehr spüre und endlich Leichtigkeit empfinde.

Dem inneren Kompass folgen

Achtsam werde ich den neuen Weg ins Unbekannte einschlagen und mich dabei von meinem inneren Kompass führen lassen. Ich werde mich ihm ganz anvertrauen, mich von ihm leiten lassen. Er wird mich warnen, wenn der Weg einmal zu holprig und unwegsam wird oder wenn ich mich in seinen Windungen verliere und der falschen Spur folge. Er wird mir immer wieder helfen, mich neu auszurichten, mein Ziel den Wegbedingungen anzupassen.

Ich vertraue darauf, dass mein innerer Kompass mich immer näher heranführen wird an die niemals versiegende Quelle tief in mir, der gleißendes Licht entspringt. Dieses Licht, welches vom Urgrund ausgeht und Raum und Zeit überwindet. Dieses Licht, welches alle Weisheit in sich trägt. Dieses Licht, welches mich zum Strahlen bringt. Mit meiner Leuchtkraft werde ich Mauern einreißen, Brücken bauen, Grenzen überwinden und neue Spähren des Daseins erreichen. Mein Strahlen wird verbinden, wird keine Unterschiede mehr machen zwischen dem ICH und dem DU – wird eins sein mit allen Aspekten der Schöpfung.

Ein Traum von Leichtigkeit

Die Fenster des Autos sind weit geöffnet, Sonnenstrahlen erhellen den Innenraum und kitzeln mein Gesicht. Der Fahrtwind weht durch die Fenster hinein, wirbelt meine Haare durcheinander und kühlt meine erhitzte Haut. Ich genieße die frische Brise, schmecke das Salz in der Luft und rieche das Meer.

Ich schließe die Augen. In meinem Kopf herrscht Stille. Nicht die übliche Geschäftigkeit meiner Gedanken, die wild umherwirbeln, sich an jedem x-beliebigen Reiz festklammern um sich dann einen permanenten Schlagabtausch zu liefern.

In diesem kurzen Moment ist es, als ob es kein Morgen gäbe. Die Zeit scheint still zu stehen. Ich nehme einen tiefen Atemzug – noch einen und noch einen. Es ist, als könnte ich damit diesen besonderen Moment des Glücks konservieren – dieses unbeschreibliche Gefühl von Leichtigkeit in meine Lungen aufsaugen und auf ewig festhalten.

Ich nehme seine Hand, spüre die Wärme und Zuneigung, die von ihr ausgeht. Ich drücke sie ganz leicht, so als wollte ich damit sagen: „Na, fühlst du das auch?“ Ich öffne die Augen und schaue direkt in seine – erneut begegnet mir das vertraute Gefühl von Wärme und Zuneigung. Auch ohne das mich seine Worte erreichen, weiß ich im Stillen, er fühlt genauso wie ich. Und obwohl das Auto weiter Richtung Süden rollt, ist mir als wäre ich bereits angekommen.

 

Tag am Meer

Happy Birthday Emily!

Meine liebe Emy,

Deine warmen, treuen Augen sind mit den Jahren etwas trüb geworden – dennoch können sie bis auf den Grund meiner Seele blicken. Mehr denn je finde ich in ihnen Zuflucht und Halt, wenn das Leben mich mal wieder ängstigt oder ich Deine vertraute Nähe suche.

 

Etwas langsamer und gemütlicher sind Deine Bewegungen geworden – dennoch haben sie nicht an Grazie und Eleganz verloren. Verständlich, dass es mich mit Stolz erfüllt, wenn Du neben mir am Rollstuhl läufst und wir eine Einheit bilden. Als Team sind wir einfach unschlagbar!

 

Auch wenn Du Deine Schritte heute mit Bedacht wählst – wenn dein geliebtes Enten-Dummy fliegt bist Du schneller als der Wind und läufst federnd wie auf Wolken. Ich kann Dir gar nicht sagen, wieviel Glück ich dabei empfinde, wenn Du mir Deine Beute voller Stolz und mit wedelndem Schwanz anvertraust. Du bringst mein Herz zum tanzen!

 

Dein weiches, schwarzes Fell ist mittlerweile um ein paar graue Haare reicher geworden – doch ich verliebe mich jeden Tag aufs Neue in Dich, denn Du wirst von Jahr zu Jahr schöner. Ich liebe nichts mehr, als Dich beim kuscheln ganz nah bei mir zu haben und mit meinen Fingern durch Dein seidiges Fell zu streicheln. Deinen Herzschlag, Deinen Atem und Deine Wärme zu spüren und Deinen lieblichen Geruch in mich aufzusaugen. Deine Hingabe und Dein Vertrauen sind mein größter Schatz!

 

Nach all den Jahren gehen wir im gleichen Takt durchs Leben – die gemeinsame Zeit und das Alter haben uns beide weiser gemacht und das Band zwischen uns ist stärker denn je. Ich bin unendlich dankbar für jeden Tag mit Dir an meiner Seite und hoffe so sehr, dass uns noch viele weitere Jahre geschenkt werden. Ein Leben ohne Dich? Unvorstellbar!

 

Alles Gute zum 12. Geburtstag Emily!

 

 

Ein kleiner, aber feiner Videobeitrag über meinen Gewinn des ERGO Awards #DeinWeg2016

Nachdem ich Ende letzten Jahres mit meinem Blogbeitrag „Von Abschieden und Neuanfängen mit Muskeldystrophie“ völlig unerwartet und überraschend den ERGO Award #DeinWeg2016 gewonnen habe, war vor einigen Tagen ein Kamerateam der ERGO Deutschland bei mir zu Hause und hat einen Videobeitrag über mich gedreht.

In dem Video berichte ich unter anderem darüber, wie es zu dem Gewinn beim ERGO Award #DeinWeg2016 kam. Außerdem  spreche ich über die Ziele meines Blog, über meine Leidenschaften zu denen vor allem meine Hündin Emily und meine Reisen in ferne Länder zählen sowie über meine Zukunftspläne. Schaut es Euch an und seht selbst…

Neuanfang

Jeder von uns stand in seinem Leben schon einmal vor der persönlichen Herausforderung, dass sich der eigene Lebensweg plötzlich in zwei Richtungen gabelte und uns eine Entscheidung abverlangt wurde: gehe ich meinen bisherigen Lebensweg weiter oder biege ich ab und wage einen Neuanfang?

Solche Entscheidungen, die uns das Leben von Zeit zu Zeit immer wieder abverlangt, fallen nicht nur unglaublich schwer, sondern sind in der Regel auch folgenreich für uns und die Menschen, die uns umgeben. Wen wundert es da, dass wir häufig aus Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, auf dem vertrauten Weg verbleiben. Doch genau auf diesem vermeintlich sichereren Weg bleibt eben auch so manches von unseren Potentialen und Möglichkeiten auf der Strecke.

So erging es auch mir: ich stand schon seit längerer Zeit an einem Scheideweg, nicht wissend, für welche Richtung ich mich entscheiden soll. Es ging dabei für mich um die Klärung der Frage, wie es zukünftig beruflich für mich weitergehen soll. Diese Frage stellte sich für mich nicht etwa, weil ich meinen Job als Sozialpädagogin/-arbeiterin nicht liebe, sondern weil mich dieser Job sehr viel Kraft kostet. Um genau zu sein, er kostet mich so viel Kraft, dass am Ende eines Tages nicht genug Energie für das eigentliche Leben übrig bleibt. Um den Anforderungen meines Alltags oder anders gesagt meinem Tagespensum gerecht zu werden, muss ich mich ständig disziplinieren, permanent alles von mir geben und an vielen Baustellen gleichzeitig kämpfen. Da bleibt so wenig Platz für das eigentliche Leben, für das Sein, für mich und meine Bedürfnisse.

Über Monate hinweg habe ich mir immer wieder aufs Neue diese Fragen gestellt: Kann ich mir die Arbeit gesundheitlich noch länger leisten? Ist sie mir das Wert? Wie schlecht muss es mir gesundheitlich noch gehen, damit ich aufhöre, permanent meine Grenzen zu überschreiten? Das, was Raubbau an meinen körperlichen und mentalen Kräften betreibt, ist nicht etwa nur die reine Arbeitszeit, es ist auch das was alles nötig dafür ist – das davor und danach, was für einen gesunden Menschen kaum der Rede wert ist.

Obwohl ich tief in meinem Inneren die Antworten auf diese Fragen schon kannte, habe ich sie lange Zeit ignoriert und mir eingeredet: Ich brauche eine klare Aufgabe. Ich brauche eine feste Arbeit. Ohne Arbeit kein Geld und ohne beides kein sozialer Stellenwert. Immer wieder habe ich mich verglichen und mir gesagt, alle anderen (ob behindert oder nicht behindert) kriegen das doch auch hin, warum also ich nicht?! Die Angst, keine Aufgabe, keinen Status, keinen Mehrwert mehr (für die Gesellschaft) zu haben, hielt mich lange davon ab eine Entscheidung zu treffen. Wer bin ich denn noch, wenn ich keinen festen Job mehr habe? Was bin ich ohne Job noch wert? Wofür habe ich studiert und all die Jahre gekämpft? Dafür, dass ich mit Anfang 30 in Rente gehe? Wenn schon behindert, dann doch bitte mit einem guten Job und möglichst unabhängig, so war lange Zeit mein Denken geprägt.

Viel zu lang habe ich im Außen nach Antworten auf meine Fragen und Bestätigung für meine Gedanken gesucht. Vielleicht sogar auch nach einer Absolution. Doch ich fand nichts von alledem. Meine Angst und meine Unsicherheit vor dem Neuen und Ungewissen haben meinen Mut und meine Sehnsucht nach Veränderung immer wieder im Keim erstickt. Erst nach und nach habe ich begriffen, dass nur ich selbst mir die Antworten auf meine Fragen geben kann. Dass ich den Mut und das Vertrauen haben muss, meinem inneren Kompass zu folgen. Dass das Leben mich tragen wird, so wie es mich bisher immer getragen hat. Und das auch in dieser Hinsicht auf einen Abschied wieder ein Neuanfang folgen wird.

Vielleicht wusste es das Schicksal besser als ich und hat mich deshalb vor knapp einem Jahr dazu geführt, diesen Blog hier ins Leben zu rufen. Erst durch das öffentliche Schreiben und die zahlreichen Rückmeldungen, die ich auf meine Texte hin bekommen habe, habe ich erkannt, dass ich auch neben meinem beruflichen Dasein sehr wohl eine wichtige Aufgabe und einen Mehrwert für die Gesellschaft habe. Mir ist klar geworden, wieviel allein ich mit meinen Texten bewegen kann – ich kann andere Menschen damit berühren, kann Mut und Hoffnung geben, kann in mancher Hinsicht als gutes Beispiel voran gehen, kann Denken verändern und eine neue Sicht auf die Dinge vermitteln, kann Barrieren beseitigen und Brücken bauen.

Mit dem Schreiben habe ich einen Weg gefunden, dem was durch mich in die Welt will, Ausdruck zu verleihen. Das gibt mir Kraft und macht mich frei. Es hat in mir den Mut entfacht Altes loszulassen und mich für Neues zu öffnen. Auch wenn ich momentan noch ganz am Anfang meines neuen Weges stehe und nicht weiß, was dieser alles für mich bereit halten wird, so spüre ich doch, dass es richtig ist ihm und meiner inneren Sehnsucht zu folgen.

Eins habe ich verstanden, während ich an dieser Weggabelung stand und verzweifelt nach Antworten gesucht habe: es gibt kein richtig oder falsch. Richtig ist, was sich gut anfühlt, was mich glücklich macht und mir Kraft zum Leben gibt. Und das ich in erster Linie mir und meinen Erwartungen an mein Leben gerecht werden muss und niemand anderem. Ich selbst trage die Verantwortung für mein persönliches Glück und habe jeden Tag aufs Neue die Chance es zu gestalten.

„In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks!“

(Heinrich Heine)