Lesung bei den 4. Brücker Kunsttagen

Nach monatelangem Warten und wochenlangen Vorbereitungen war es am vergangenen Freitag, den 17.11.17 endlich soweit: im Rahmen der 4. Brücker Kunsttage fand meine Lesung „die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ in der Evangelischen Johanneskirche in Köln Brück statt.

Wie es eigentlich zu der Lesung kam und ob die Veranstaltung ein Erfolg war, möchte ich im nachfolgenden Beitrag erzählen:

 

Foto von Torsten Pelka

Im Jahr 2014 wurden die Brücker Kunsttage von den Künstlern Seona Sommer und Udo Funk ins Leben gerufen. Seitdem hat sich in dem beschaulichen Kölner Vorort Brück eine neue Kunstszene und ein neues Künstlernetzwerk entwickelt – denn jedes Jahr im Herbst können bis zu 50 bildende Künstler und Künstlerinnen, über einen Zeitraum von 3 Wochen ihre Werke in lokalen Ausstellungsflächen wie z.B. Geschäfte, Banken, Arztpraxen präsentieren. Doch nicht nur bildende Kunst, sondern auch andere künstlerische Genres, wie z.B. Lesungen, Musikveranstaltungen und Filmvorführungen werden im Rahmen der Brücker Kunsttage gefördert. Durch diese besondere Veranstaltung ist es über die Jahre mehr und mehr gelungen, die Kunst in die Lebenswelt der Menschen oder wie der Kölsche sagt ins Veedel zu holen. Dadurch belebt sie nicht nur die Geschäftswelt, sondern wird auch zum Zeichen des Zusammenhalts und der regionalen Zugehörigkeit.

 

 

Bis Ende 2016 war mir als zugezogene Wahlbrückerin, die zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 7 Jahre in Köln Brück lebte, diese Veranstaltung verborgen geblieben. Vielleicht, weil bis dahin bildende Kunst noch nie so eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat. Vielleicht aber auch weil ich noch nicht so gut mit den Brückern vernetzt war. Dies sollte sich zum Jahreswechsel hin ändern.

Den Anstoß dazu gab ein Telefonat mit der Künstlerin und (Mit-)Initiatorin der Brücker Kunsttage Seona Sommer. Diese war durch meinen Gewinn des ERGO Award #DeinWeg2016 auf meinen Blog aufmerksam geworden und hatte Gefallen an meinen Texten gefunden. Kurzentschlossen rief sie mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte eine Lesung mit eigenen Texten im Rahmen der 4. Brücker Kunsttage zu veranstalten. Ich freute mich riesig über die Wertschätzung meiner Arbeit und das entgegen gebrachte Vertrauen und willigte ohne zu Zögern ein.

 

Foto von Torsten Pelka

Etwa zur Jahreshälfte begann ich mich intensiver mit dem Hintergrund und der Tragweite der Brücker Kunsttage auseinanderzusetzen. Im Rahmen der vorbereitenden Künstlertreffen lernte ich andere der teilnehmenden Künstler kennen und knüpfte neue Kontakte. Obwohl die meisten von ihnen bildende Künstler waren und ich zu den wenigen literarischen Künstlern gehörte, fühlte ich mich direkt wohl in der Gemeinschaft.

Je näher die Lesung rückte, umso mehr drängte sich mir die Frage auf, welche Texte ich an dem Abend der Lesung vortragen und welche Message ich damit eigentlich transportieren wollen würde. Ich entschied mich schließlich für den Text, mit dem ich auch den ERGO Award #DeinWeg2016 gewonnen hatte. Es ist ein sehr berührender und kraftvoller Text, der anschaulich meinen doch recht ungewöhnlichen Lebensweg mit der Diagnose progressive Muskeldystrophie beschreibt. Unmissverständlich macht er deutlich, dass Glück keine Behinderung kennt und wahre Stärke keine Muskeln braucht.

 

Und welcher Titel für die Lesung könnte diese Message besser unterstreichen als „Die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“?! Dieser Titel stammt ehrlicherweise nicht aus meiner eigenen Feder. Ilona Weber, eine gute Freundin und eine sehr talentierte Malerin hat, inspiriert von genau diesem Text, vor einiger Zeit zu Pinsel und Farbe gegriffen. Dabei ist ein unglaublich aussagekräftiges und berührendes Bild entstanden, welches den Titel „die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ trägt. Das Bild erzählt die Geschichte von einer Rollstuhlfahrerin, die scheinbar unmögliche Dinge tut – z.B. Ballon fahren, Segelfliegen, paragliden, tauchen, uvm. Es zeigt dabei auf humorvolle und spielerische Art und Weise, dass unmögliches möglich ist – denn eigentlich, weiß ja jedes Kind, dass Rollstuhlfahrer nicht fliegen können. Es verkörpert für mich eine innere Einstellung zum Leben. Eine Einstellung die innere, aber vor allem äußere Grenzen und Barrieren überwindet und das mit Freude und Leichtigkeit. Und genau diese Einstellung wollte ich bei der Lesung meinen Zuhörern vermitteln und damit etwas „ins rollen bringen“.

Ich steckte viel Zeit und Liebe zum Detail in die Vorbereitung der Lesung. Von Anfang an stand für mich fest, dass ich diese gerne durch Musik begleiten lassen würde. Ich fragte den befreundeten Musiker Fabian Haupt, dessen Songs ich sehr mag, weil seine Texte unter die Haut gehen und im Kopf bleiben. Zu meiner großen Freude willigte Fabian direkt ein und versprach, mich am Abend der Lesung musikalisch zu begleiten.

Mit ausgesuchten Weinen vom lokalen Weinanbieter „Lieblingswein“ und anti-alkoholischen Getränken sowie ein paar Knabbereien sorgte ich mich auch um das leibliche Wohl meiner Gäste.

Ja und dann war endlich der große Tag gekommen…

Ich traute meinen Augen kaum, als sich am vergangenen Freitagabend gut 100 Menschen in der Johanneskirche einfanden, um meine Geschichte zu hören. Viele Freunde und Bekannte waren meiner Einladung gefolgt, doch es waren auch viele unbekannte Gesichter unter den Gästen.

 

 

Die Kirche war von Kerzenschein und weichem Licht erfüllt, welches eine angenehme Atmosphäre schaffte. Für alle Gäste gut sichtbar, stand auf einer Staffelei hinter mir das Bild „die Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“. Im Gemeinschaftsraum nebenan, von dem man einen direkten Blick in die Kirche hatte, versammelten sich ebenfalls einige Gäste und genossen von dort aus die Lesung bei einem Glas Rot- oder Weißwein.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch eine kurze Ansprache von Jane Dunker, Kulturreferentin der Johanneskirche. Danach begrüßte ich, mit vor Aufregung zitternder Stimme, die Anwesenden und bedankte mich bei den Helfern und Organisatoren der Brücker Kunsttage.

Mit einem instrumentalischen Intro holte Fabian die Gäste ab und sorgte für die richtige Einstimmung auf die Lesung. Pünktlich um 19:30 Uhr begann ich zu lesen und mehr als einmal hätte man in der Kirche eine Stecknadel fallen hören können, so ruhig war es, weil jeder ergriffen meinen Worten lauschte. Ich glaube auch das ein oder andere Taschentuch blieb nicht trocken 😉 Dank Fabians musikalischer Begleitung gab es für mich ein paar Sprechpausen. Er spielte gleich mehrere seiner aktuellen Songs, wie „Blick neben die Uhr“, „Weltarchitekt“ und „Achterbahn“. Seine wunderbare Stimme wurde begleitet durch das Keyboard und durch eine mit dem Fuß getretene Stompbox, die den Takt angab. Nicht nur der Rhythmus und die Melodie seiner Songs, sondern auch der Inhalt seiner Texte ergänzte auf wunderbare Weise die Message meiner Lesung und begeisterte alle Anwesenden. Nach gut 60 Minuten endete die Lesung mit einer Diashow und dem Song „Don’t worry Blues“. Diese zeigte Fotos „der Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ beim Paragliden, Segelfliegen, tauchen und anderen Abenteuern.

 

Für unsere Leistung belohnt wurden Fabian und ich mit einem ausgiebigen Applaus und Standing Ovation. Als Zugabe spielte Fabian noch einen bis dato unveröffentlichten Song mit dem Titel „Was bleibt“ und schaffte damit erneut Gänsehautatmosphäre. Dieser Song war der perfekte Abschluss für diese besondere Veranstaltung! Erfreulicherweise folgten viele Gäste unserem Aufruf und blieben auch nach der Lesung noch zum gemeinsamen Austausch und auf das ein oder andere Getränk.

 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal die Gegebenheit nutzen und mich ganz herzlich bedanken:

  • bei Fabian für die wunderbare Musik
  • bei Raphael für seine Ideen und seine Unterstützung bei der Planung und Umsetzung der Veranstaltung
  • bei Hans, Will und Raphael für die schönen Fotos
  • bei Anica für den wunderschönen Kurzfilm, der die Stimmung des Abends wunderbar eingefangen hat
  • bei Kerstin, Joachim und Karin für die tatkräftige Unterstützung während der gesamten Veranstaltung
  • bei Mechthild und Mo für die engagierte Hilfe beim Auf- und Abbau
  • bei Herrn Falk van Rees für die technische Unterstützung
  • bei Frau Dunker für ihren Rat und ihre Unterstützung rund um die Vorbereitung der Veranstaltung
  • bei der Evangelischen Johanneskirche für die Nutzung der Räumlichkeiten
  • bei Lieblingswein für die erlesenen Weine
  • bei Seona Sommer und Udo Funk für die Gelegenheit, diese Lesung abhalten und nach meinen Vorstellungen umsetzen zu dürfen
  • und bei allen Anderen, die ich jetzt vielleicht vergessen habe und die mich unterstützt haben
  • und natürlich bei den Gästen für das entgegengebrachte Vertrauen und all das positive Feedback

In diesem Sinne,

Keep on rollin‘

Lesung im frei:Raum

Am vergangen Sonntag hatte ich die Ehre beim gemeinnützigen Verein frei:Raum in Siegen zu Gast zu sein. In dieser gemütlichen und familiären Location durfte ich eigene Texte aus dem Leben „der Rollstuhlfahrerin, die fliegen kann“ vortragen. Dabei ging es nicht nur um mein Leben mit der Diagnose progressive Muskeldystrophie, sondern auch um das Zusammenleben mit meiner Assistenzhündin Emily, die mir seit 10 Jahren treu zur Seite steht.

Die Lesung wurde atmosphärisch abgerundet durch die musikalische Begleitung des Musiker Trios bestehend aus Mechthild Hendricks (Fiddle), Roland Jung (Gitarre) und Jürgen Clemens (Bass).

Zahlreiche Gäste besuchten die Lesung und ließen es sich bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen gut gehen. Es wurden Spenden in Höhe von 250,00 € gesammelt, die dem Verein VITA Assistenzhunde e.V. zu Gute kommen werden.