Der Rollstuhl mein Verbündeter


Vom Fußgänger zum Rollstuhlfahrer – ein langer Weg zurück in die Freiheit…

Ich war etwa Anfang zwanzig, als sich meine Gehfähigkeit rapide verschlechterte und ich Schritt für Schritt vom Fußgänger zum Rollstuhlfahrer wurde. Meine Muskulatur war über die letzen Jahre so schwach geworden, dass sich mein Aktionsradius als Fußgängerin zunehmend auf meine Wohnung und mein unmittelbares Umfeld beschränkte.

Ich schaffte es so grade noch die 5 Meter von der Wohnungstür zum Aufzug und die weiteren 10 Meter vom Aufzug bis zu meinem Auto zu laufen, welches in der hauseigenen Tiefgarage parkte. Dabei diente mir die Hauswand oder jeder andere x-beliebige Gegenstand stets als imaginärer Handlauf. Stand dieser einmal nicht zur Verfügung, hatte ich ganz schön damit zu kämpfen, im freien Lauf mein Gleichgewicht nicht bei der kleinsten Unebenheit im Boden zu verlieren.

Kraftmäßig war ich einfach nicht mehr dazu in der Lage, meine Füße sauber aufzusetzen und abzurollen, stattdessen schlurfte ich eher über den Boden, wodurch Stürze an der Tagesordnung waren. Dadurch bedingt verließ ich meine Wohnung nur noch ungern und wenn, dann stets mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Ein Spaziergang im Wald oder eine Shoppingtour durch die Stadt waren für mich unerreichbar geworden. Mehr und mehr vermied ich solche Unternehmungen und isolierte mich dadurch zunehmend von meinem früheren Leben, welches sich überwiegend außerhalb der Wohnung abspielte. Ein Zustand, der mich emotional stark belastete und mich immer ein Stückchen tiefer in die Verzweiflung und Vereinsamung trieb.

 


Der Rollstuhl als Chance

In meiner damaligen Wahrnehmung war meine Situation ausweglos – die einzige Chance, die ich hatte, um an diesem Zustand etwas zu verändern, war der Rollstuhl. Doch dieser kam für mich damals nicht als Option in Betracht, zu groß war die Scham und Trauer über meinen schlechter gewordenen gesundheitlichen Zustand. Zu groß war der Widerstand gegenüber dieser tiefgreifenden Veränderung meiner bisherigen Lebensumstände.

Und so begnügte ich mich über Jahre damit, nicht mehr wirklich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Ich besuchte immer nur die gleichen Cafes/Restaurants, nämlich die, die direkt einen Parkplatz vor der Tür hatten und von denen ich die Schrittzahl bis zu meinem Auto bewältigen konnte. Ich ließ es zu, dass Spontanität, Lebendigkeit und Lebensfreude nur noch Statisten in meinem Leben waren. Viele Jahre wehrte ich mich gegen diesen unausweichlichen Fakt und verlor dabei einen großen Teil meiner Freiheit und Lebensqualität.

Innerhalb der Wohnung oder auf kurzen Distanzen war ich zunächst noch relativ gut zu Fuß unterwegs. Doch auch das sollte sich schnell ändern, denn schon nach wenigen Monaten waren es dann auf einmal nur noch ein paar Schritte, die mich an den Rand meiner körperlichen Belastbarkeit trieben. Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass es mir immer schwerer fiel die Kraft in den Beinen zu mobilisieren und das Gleichgewicht zu halten. So zählte ich die Schritte, Tag für Tag – und es wurden immer weniger. Irgendwann hörte ich auf um jeden Schritt zu kämpfen, ständig mit mir selbst zu verhandeln, ob ich nun laufen oder den Rollstuhl benutzen sollte. Ich ließ es einfach geschehen, hatte keine Kraft mehr für den Widerstand und so ließ ich die Fähigkeit zu laufen hinter mir – endgültig und unwiederbringlich. Das war der Tag, an dem der Rollstuhl mein wichtigster Verbündeter auf dem Weg zurück in die Freiheit wurde.
Welche (zwei- und vierbeinigen) Gefährten mich auf diesem Weg noch begleitet und unterstützt haben, erzähle ich Euch in meinem nächsten Beitrag „Liebe auf den zweiten Blick – Teil 1 & 2″