Die Geschichte einer Freundschaft


In diesem Beitrag möchte ich Euch von einer ganz besonderen Freundschaft erzählen, die mich einige Jahre durch mein Leben begleitet hat…


Meine Freundin und ich kamen beide aus der gleichen Stadt im Herzen vom Sauerland und lernten uns beim Fachabitur kennen. Schon zu Beginn unserer Freundschaft waren wir gern gemeinsam auf Partys unterwegs. Wir beide mochten House-Musik und liebten das Tanzen. Wie die meisten jungen Singlemädels mit Anfang 20 waren wir natürlich immer daran interessiert „nette Männer“ kennen zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen. Vor einer Party verbrachten wir Stunden vor dem Spiegel, bis das perfekte Outfit gefunden war. Schon zu Hause glühten wir ordentlich vor und brachten uns mit den neusten House Beats in Partystimmung. Wir lebten nur im Hier und Jetzt und genossen jeden gemeinsamen Moment.


Ich war zum damaligen Zeitpunkt noch Fußgängerin, hatte aber schon deutliche Beeinträchtigungen beim Treppen steigen, beim aufstehen von Stühlen oder vom Boden oder bei der Überwindung längerer Wegstrecken zu Fuß. Noch größere Schwierigkeiten hatte ich allerdings im offenen Umgang mit meiner Erkrankung. Vor allem in der von Oberflächlichkeiten geprägten Partyszene habe ich mich immer darum bemüht, dass niemand bemerkt, was gesundheitlich wirklich mit mir los ist. Ich schämte mich so sehr dafür und wollte immer genauso sein, wie alle anderen.
Um mein Wunschbild einer „gesunden Frau“ nach außen auf Dauer aufrechterhalten zu können, habe ich so einiges in Kauf genommen und war immerzu gezwungen, den Menschen in meinem Umfeld einen Schritt bzw. einen Gedanken voraus zu sein. So waren Sätze wie „geht doch schon mal vor, ich komm gleich nach“ oder „ich habe mir den Fuß verknackst“ oder „ich stehe lieber als zu sitzen“ meine ständigen Wegbegleiter. Ich war Meisterin der Täuschung! Wenn ich es nicht wollte, bemerkte keiner etwas von meiner Muskelerkrankung. Der Alkohol, den wir regelmäßig auf den Partys tranken, war mir dabei ein wertvoller Verbündeter, denn er ließ meine Hemmungen und meine Verunsicherung sinken, wodurch ich lockerer wurde und es mir leichter fiel Kontakte zu knüpfen.


Doch mit dem Fortschritt meiner Erkrankung wurde es zunehmend schwieriger für mich mein vertrautes Konstrukt aus Halbwahrheiten aufrecht zu erhalten. Mir fiel es zunehmend schwerer, mich wie jemand „gesundes“ zu bewegen und zu verhalten, da meine Kraft und meine Ausdauer immer weniger wurden. Immer häufiger kam es auch vor, dass ich stürzte und dann unfreiwillig Blicke auf mich zog.
So war ich zunehmend auf die tatkräftige Unterstützung meiner Freundin angewiesen. Und diese konnte anpacken, denn glücklicherweise machte Sie seit Jahren Kampfsport und war gut trainiert. Für Sie war es selbstverständlich mir zu helfen und Sie beschwerte sich nie darüber. Sie trug mich bei sich zu Hause ein Stockwerk die Treppen auf Huckepack hoch, sie half mir beim aufstehen vom Boden oder Stuhl oder hievte mich mit aller Kraft aus dem Auto, wenn mich mal wieder die Kräfte verließen. Wenn wir zu Fuß unterwegs waren, hackte ich mich immer bei ihr unter, um mehr Sicherheit beim laufen zu haben. Wenn ich ganz schlapp oder müde war, trug Sie mich auch kürzere Distanzen auf Huckepack.
In den Bars und Clubs schleppte sie mich unzählige Treppen hoch und runter, stütze und schützte mich, wenn wir uns durch Menschenmengen drängten und begleitete mich aufs Klo und half mir dort wieder aufzustehen. Wenn ich das Gleichgewicht verlor und stürzte, half Sie mir wieder hoch und tat nach außen hin so, als sei das das normalste von der Welt. Wenn ich unsicher und wackelig auf den Beinen war, tanzten wir gemeinsam eng umschlungen und vergaßen dabei die Welt um uns herum.
Mit ihr an meiner Seite war ich flexibel, stark und konnte die Täuschung meiner „nicht eingeweihten“ Umwelt aufrechterhalten. Wenn uns Leute neugierig ansprachen, hatten wir die wildesten Ausreden, warum Sie mich tragen musste oder warum wir so langsam und komisch liefen. Blöde Kommentare oder Enttäuschungen ertränkten wir gemeinsam in Alkohol und Gelächter. Es war egal was die Anderen dachten, wir hatten uns!

Zu unseren „Höchstzeiten“ waren wir jedes Wochenende in den Kölner Clubs unterwegs. Dabei immer darauf aus, neue Kontakt zu knüpfen und den eigenen „Marktwert“ zu testen. Ich habe in dieser Zeit viele Männer kennen gelernt, geküsst und einige von Ihnen sogar mit nach Hause genommen. Jede neue Bekanntschaft war für mich mit einem wahnsinnigen Kraftakt verbunden, der darin bestand, nach und nach preiszugeben, wer ich wirklich war und welche Grenzen mein Körper mir aufzeigte. Das war der Preis, den ich für Nähe bereit sein musste zu zahlen. Dabei machte ich nicht nur schöne Erfahrungen. Die meisten der jungen Männer, zogen sich verunsichert von mir zurück, nachdem sie bemerkt hatten, auf was sie sich da eingelassen haben. Häufig blieb es somit bei flüchtigen Bekanntschaften oder Beziehungen, die nicht von Dauer waren.


Mit der Zeit nahmen meine Ängste, Unsicherheiten und die körperlichen Belastungen, verursacht durch unsere nächtlichen Eskapaden immer mehr zu. Mittlerweile war ich gezwungen den Rollstuhl zu nutzen, um zum Club hin- und wieder zurück zu kommen und um meine Kräfte zu schonen. Ich gab den Rollstuhl dann an der Garderobe des Clubs ab und fand mich kurze Zeit später betrunken auf der Tanzfläche wieder mit einem „potentiellen Interessenten“ an jedem Finger (diese konnten, am Ende des Abends, wenn Sie den Rollstuhl erblickten, nicht schnell genug von mir wegkommen). In gewohnter Manier, verkaufte ich mich als Partymaus und niemand ahnte, was mit mir los war oder wie es in mir aussah (es sei denn es wurde z.B. durch einen Sturz o.ä. nach außen hin sichtbar).


Im Laufe der Zeit fiel es mir immer schwerer unbefangen Kontakte zu knüpfen und häufig fühlte ich mich umgeben von den ganzen feiernden Menschen unsagbar einsam und verlassen. Meiner Freundin hingegen fiel es immer leicht neue Leute kennen zu lernen und so knüpfte sie wesentlich schneller Bekannt- oder Freundschaften als ich. Sie traf sich zunehmend auch außerhalb vom Wochenende mit anderen Leuten, was mich sehr kränkte und verletzte.


Die Gefühle von Einsamkeit und Andersartigkeit waren besonders schlimm, wenn ich nachts alleine nach einer Party nach Hause kam und die Nachwirkungen der körperlichen Überanstrengung spürte. Auch an den Tagen nach dem Wochenende hielten diese negativen Gefühle noch an und ließen Ängste und Befürchtungen in mir hochsteigen und immer größer werden.
Obwohl meine Freundin stets an meiner Seite war und sich geduldig meine Sorgen und Ängste anhörte, verstand sie nicht wirklich was in mir vorging und was mich bewegte. Sie war so unbefangen, spontan und flexibel und ihr lag die ganze Welt zu Füßen. Um all das habe ich Sie sehr beneidet.
Meine Gedanken wurden immer schwerer und mein Verhalten wurde starrer und unflexibel. Irgendwann stand genau das zwischen uns. Ich habe immer häufiger versucht, dass „Feiern gehen“ zu vermeiden und meine Freundin für andere Dinge zu begeistern. Wenn Sie dann ohne mich „auf Tour“ ging, war ich gekränkt und furchtbar eifersüchtig auf all die Menschen mit denen Sie sich fortan umgab. Doch meine körperlichen Kräfte und mein Kopf ließen es nicht mehr zu, dass wir alte Zeiten wieder aufleben lassen konnten.

Mein Selbstwert hat in dieser Zeit unheimlich gelitten und ich fühlte mich furchtbar einsam, traurig, wütend und verletzt. Während meine Freundin sich weiter die Nächte ohne mich um die Ohren schlug, musste ich die Erfahrungen machen, wie es sich anfühlt sich im Bett nicht mehr alleine drehen und aufrichten zu können oder im Bad zu stürzen und in Rückenlage darauf zu warten, dass Hilfe kommt. Das fand ich so ungerecht! Wir hatten auf einmal völlig andere Lebensthemen und ich glaube Sie hatte manchmal das Gefühl, dass ich Sie ausbremse und Sie etwas verpasst, wenn Sie nicht vor die Tür geht. Ein völlig banaler Streit führte dann 2007 dazu, dass wir den Kontakt zueinander abbrachen und jeder seinen eigenen Weg ging.


Heute schaue ich mit Dankbarkeit auf diese besondere Zeit mit all Ihren Höhen und Tiefen zurück. Ohne Wehmut und Groll! Für einige wunderschöne Jahre hatten wir eine bedingungslose Freundschaft und fast nichts konnte uns aufhalten. Unsere gemeinsame Zeit war etwas ganz Besonderes und hat mir Gefühle wie Freiheit und Lebendigkeit nähergebracht. Danke liebe U., dass ich das alles mit Dir erleben durfte!