Neuanfang

Jeder von uns stand in seinem Leben schon einmal vor der persönlichen Herausforderung, dass sich der eigene Lebensweg plötzlich in zwei Richtungen gabelte und uns eine Entscheidung abverlangt wurde: gehe ich meinen bisherigen Lebensweg weiter oder biege ich ab und wage einen Neuanfang?

Solche Entscheidungen, die uns das Leben von Zeit zu Zeit immer wieder abverlangt, fallen nicht nur unglaublich schwer, sondern sind in der Regel auch folgenreich für uns und die Menschen, die uns umgeben. Wen wundert es da, dass wir häufig aus Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, auf dem vertrauten Weg verbleiben. Doch genau auf diesem vermeintlich sichereren Weg bleibt eben auch so manches von unseren Potentialen und Möglichkeiten auf der Strecke.

So erging es auch mir: ich stand schon seit längerer Zeit an einem Scheideweg, nicht wissend, für welche Richtung ich mich entscheiden soll. Es ging dabei für mich um die Klärung der Frage, wie es zukünftig beruflich für mich weitergehen soll. Diese Frage stellte sich für mich nicht etwa, weil ich meinen Job als Sozialpädagogin/-arbeiterin nicht liebe, sondern weil mich dieser Job sehr viel Kraft kostet. Um genau zu sein, er kostet mich so viel Kraft, dass am Ende eines Tages nicht genug Energie für das eigentliche Leben übrig bleibt. Um den Anforderungen meines Alltags oder anders gesagt meinem Tagespensum gerecht zu werden, muss ich mich ständig disziplinieren, permanent alles von mir geben und an vielen Baustellen gleichzeitig kämpfen. Da bleibt so wenig Platz für das eigentliche Leben, für das Sein, für mich und meine Bedürfnisse.

Über Monate hinweg habe ich mir immer wieder aufs Neue diese Fragen gestellt: Kann ich mir die Arbeit gesundheitlich noch länger leisten? Ist sie mir das Wert? Wie schlecht muss es mir gesundheitlich noch gehen, damit ich aufhöre, permanent meine Grenzen zu überschreiten? Das, was Raubbau an meinen körperlichen und mentalen Kräften betreibt, ist nicht etwa nur die reine Arbeitszeit, es ist auch das was alles nötig dafür ist – das davor und danach, was für einen gesunden Menschen kaum der Rede wert ist.

Obwohl ich tief in meinem Inneren die Antworten auf diese Fragen schon kannte, habe ich sie lange Zeit ignoriert und mir eingeredet: Ich brauche eine klare Aufgabe. Ich brauche eine feste Arbeit. Ohne Arbeit kein Geld und ohne beides kein sozialer Stellenwert. Immer wieder habe ich mich verglichen und mir gesagt, alle anderen (ob behindert oder nicht behindert) kriegen das doch auch hin, warum also ich nicht?! Die Angst, keine Aufgabe, keinen Status, keinen Mehrwert mehr (für die Gesellschaft) zu haben, hielt mich lange davon ab eine Entscheidung zu treffen. Wer bin ich denn noch, wenn ich keinen festen Job mehr habe? Was bin ich ohne Job noch wert? Wofür habe ich studiert und all die Jahre gekämpft? Dafür, dass ich mit Anfang 30 in Rente gehe? Wenn schon behindert, dann doch bitte mit einem guten Job und möglichst unabhängig, so war lange Zeit mein Denken geprägt.

Viel zu lang habe ich im Außen nach Antworten auf meine Fragen und Bestätigung für meine Gedanken gesucht. Vielleicht sogar auch nach einer Absolution. Doch ich fand nichts von alledem. Meine Angst und meine Unsicherheit vor dem Neuen und Ungewissen haben meinen Mut und meine Sehnsucht nach Veränderung immer wieder im Keim erstickt. Erst nach und nach habe ich begriffen, dass nur ich selbst mir die Antworten auf meine Fragen geben kann. Dass ich den Mut und das Vertrauen haben muss, meinem inneren Kompass zu folgen. Dass das Leben mich tragen wird, so wie es mich bisher immer getragen hat. Und das auch in dieser Hinsicht auf einen Abschied wieder ein Neuanfang folgen wird.

Vielleicht wusste es das Schicksal besser als ich und hat mich deshalb vor knapp einem Jahr dazu geführt, diesen Blog hier ins Leben zu rufen. Erst durch das öffentliche Schreiben und die zahlreichen Rückmeldungen, die ich auf meine Texte hin bekommen habe, habe ich erkannt, dass ich auch neben meinem beruflichen Dasein sehr wohl eine wichtige Aufgabe und einen Mehrwert für die Gesellschaft habe. Mir ist klar geworden, wieviel allein ich mit meinen Texten bewegen kann – ich kann andere Menschen damit berühren, kann Mut und Hoffnung geben, kann in mancher Hinsicht als gutes Beispiel voran gehen, kann Denken verändern und eine neue Sicht auf die Dinge vermitteln, kann Barrieren beseitigen und Brücken bauen.

Mit dem Schreiben habe ich einen Weg gefunden, dem was durch mich in die Welt will, Ausdruck zu verleihen. Das gibt mir Kraft und macht mich frei. Es hat in mir den Mut entfacht Altes loszulassen und mich für Neues zu öffnen. Auch wenn ich momentan noch ganz am Anfang meines neuen Weges stehe und nicht weiß, was dieser alles für mich bereit halten wird, so spüre ich doch, dass es richtig ist ihm und meiner inneren Sehnsucht zu folgen.

Eins habe ich verstanden, während ich an dieser Weggabelung stand und verzweifelt nach Antworten gesucht habe: es gibt kein richtig oder falsch. Richtig ist, was sich gut anfühlt, was mich glücklich macht und mir Kraft zum Leben gibt. Und das ich in erster Linie mir und meinen Erwartungen an mein Leben gerecht werden muss und niemand anderem. Ich selbst trage die Verantwortung für mein persönliches Glück und habe jeden Tag aufs Neue die Chance es zu gestalten.

„In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks!“

(Heinrich Heine)